Flexible Arbeitsmodelle im Aufschwung: Die wichtigsten Trends in Europa

Phil Muncaster

04/08/2017

Das mobile und flexible Arbeiten erlebt in Europa einen Aufschwung. Ein regelrechter Sturm technologischer Fortschritte, sich verändernder Einstellungen und demographischer wie finanzieller Dringlichkeiten treibt diese Transformation voran. Doch überwiegen deren Vorteile tatsächlich die Herausforderungen, die mit mobiler Arbeit einhergehen? Kann dieses Bild auf ganz Europa übertragen werden?

Es hat eine Weile gedauert, doch nun sind mobile und flexible Arbeitsmodelle für viele Mitarbeiter in ganz Europa Wirklichkeit geworden. Zuverlässige gesamteuropäische Statistiken sind eine Seltenheit. Jedoch hat der Anbieter für Talentmanagement-Software Cornerstone OnDemand IDC damit beauftragt, etwa 1500 Personalleiter und Geschäftsführer in 14 europäischen Ländern aus Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern zu befragen. Aus der Studie geht hervor, dass Dreiviertel (74 Prozent) der Unternehmen in der Region Heimarbeit erlauben.

In Großbritannien, traditionell das Land, das in Bezug auf die Modernisierung des Arbeitsplatzes am zögerlichsten vorgeht, ist die Anzahl der Heimarbeiter in den vergangenen 10 Jahren um ein Fünftel (19 Prozent) auf einen Rekord von 1,5 Millionen angestiegen, wie eine TUC-Studie beschreibt. Darüber hinaus meinen 73 Prozent der Mitarbeiter im EMEA-Raum, gegenüber nur 68 Prozent in Nordamerika, dass flexible Arbeitsmodelle heute „positiv bewertet und gern angenommen“ werden, wie die Firma für Zusammenarbeit PGi herausgefunden hat.

„Die Struktur unserer Wirtschaft hat sich, einhergehend mit der unserer Arbeitsplätze, grundlegend geändert“, erläutert Phil Flaxton, Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation Work Wise UK. „Kulturelle, ökonomische und gesellschaftliche Veränderungen wirken sich auf die Einstellung zur Balance bzw. zur Kombination von Arbeit und Lifestyle aus. Durch das Mehr an Mobilität und Technologie verschiebt sich die Akzeptanz, oder besser gesagt, der Bedarf nach dem herkömmlichen Bürojob von neun bis siebzehn Uhr in Richtung flexibler Heimarbeitszeiten.“

„[Den Arbeitgebern] ist klar geworden, dass das Hinterfragen veralteter Arbeitspraktiken und die Implementierung einer intelligenteren Arbeitsstrategie, wie beispielsweise der Heimarbeit, die Möglichkeit zu einem echten Wandel für die Belegschaften bietet, einen Wandel, von dem die Mitarbeiter wie auch sie selbst profitieren und der zudem zum Wachstum der Wirtschaft in Großbritannien beiträgt.“

Technologische Fortschritte haben diesen Trend deutlich verstärkt. Dabei spielen Mobilgeräte und Notebooks, Prozessoren mit mehr Leistung, größere Speicher, eine verbesserte Konnektivität und Cloud-basierte Apps eine wesentliche Rolle. Technologieexperten können Plattformen wie GitHub und GitLab nutzen, die eine mobiles gemeinsames Arbeiten an Entwicklungsprojekten ermöglichen.

Ein wahrer Sturm

Die Vorteile von flexibleren Arbeitspraktiken für Mitarbeiter wurden häufig in der Annahme übersehen, dass Teams im persönlichen Kontakt besser funktionieren, und dass die mobilen Mitarbeiter dazu neigen, sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Nun spricht jedoch alles dafür, dass das flexible Arbeiten produktivere, glücklichere und gesündere Mitarbeiter hervorbringt. So ergab beispielsweise eine Studie der Firma für Mitarbeiterengagement TINYpulse, dass 91 Prozent der Mitarbeiter, die von zu Hause aus tätig sind, meinen, dass sie eine bessere Leistung bringen, wenn sie nicht im Büro sind. Zudem verringert sich die Umweltbelastung durch entfallende Pendlerfahrten und die für die Arbeitgeber sinken die Gebäudekosten.

Viele sind der Meinung, dass die Nachfrage nach entspannteren Arbeitspraktiken auf die vielen Millennials am heutigen Arbeitsmarkt zurückzuführen ist. Jedoch können auch ältere Mitarbeiter davon profitieren und länger im Arbeitsleben bleiben, ebenso wie Mitarbeiter mit Behinderungen und junge Mütter. Laut TUC arbeiten heute 35 Prozent mehr Frauen von zu Hause aus als vor zehn Jahren – dies ist der größte Anstieg in allen Gruppen.

Flexible Arbeitsmodelle können außerdem dazu beitragen, häufig ignorierte, jedoch erhebliche psychische Probleme, wie etwa Stress am Arbeitsplatz, einzudämmen. Mehr als 40 Prozent der Mitarbeiter vernachlässigen für die Arbeit andere Aspekte ihres Lebens. Dies macht sie anfälliger für psychische Probleme, wie aus einer Studie der Mental Health Foundation hervorgeht. Arbeitsbedingter Stress kostet Großbritannien jedes Jahr 10,4 Millionen Arbeitstage. Dank einer besseren Work-Life-Balance konnte diese Zahl gesenkt werden, lässt die Stiftung verlauten.

Fortschritte in den Ländern

Europa ist bekanntlich etwas konservativer als die USA, wenn es um mobiles Arbeiten geht. Doch die Veränderung hat Fahrt aufgenommen. Wie aus der Cornerstone OnDemand-Studie hervorgeht, nimmt die Heimarbeit in der gesamten Region stetig zu, von 71 Prozent im Jahr 2016 auf 74 Prozent in diesem Jahr. Zu den Ländern mit überdurchschnittlichen Werten gehören Italien und Dänemark (beide 83 Prozent), Belgien/Luxemburg (80 Prozent), Großbritannien (79 Prozent), Niederlande (76 Prozent) und Schweden (75 Prozent).

Allerdings gibt es laut dieser Studie noch Nachholbedarf in Österreich (53 Prozent) und in der Schweiz (63 Prozent). Auch Deutschland (70 Prozent) und Frankreich (72 Prozent) bewegen sich unterhalb des europäischen Durchschnitts.

Es wird deutlich, dass in den kommenden Jahren viele weitere Unternehmen flexible Arbeitsmodelle übernehmen werden, um ihre Kosten zu verringern, um die Produktivität zu steigern und um die besten Talente für sich zu gewinnen. Arbeitssuchenden in Europa stehen jedoch zwei besondere Informationsquellen zur Verfügung: Love Remote Work und Europe Remotely. Jene, die sich mehr am Ziel orientieren als an bestimmten Unternehmen, finden unter Nomad List, eine fortlaufend aktualisierte Liste der besten Orte für mobiles Arbeiten auf der ganzen Welt. Wesentliche Faktoren sind hier unter anderem Transport, Internetgeschwindigkeit und WLAN-Zugangspunkte.

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