Sind „bewährte Verfahren“ eine Innovationsbremse?

Rob Livingstone

23/09/2016

Viele Unternehmen sind bemüht, für IT-Bereich und Geschäft Governance-Systeme auf der Grundlage von „bewährten Verfahren“ festzulegen. Für Firmen, bei denen rascher Wandel und Umwälzungen auf der Tagesordnung stehen, ist diese Herangehensweise allerdings oft alles andere als empfehlenswert.

Organisatorische Governance-Systeme auf der Grundlage bewährter Verfahren gibt es für fast alle unternehmerischen Aspekte. Sie umfassen viele Bereiche, wie Unternehmensführung, den täglichen Geschäftsbetrieb, Personalwesen, Informatik, Konformität, Beschaffung, Risikobeurteilung sowie Vertrieb und Sicherheit, um nur einige wenige zu nennen. Doch was gestern gut war, muss nicht zwangsläufig auch morgen das Beste für Ihr Unternehmen sein.

Was genau sind bewährte Verfahren?

Die Definition für bewährte Verfahren lautet: „Kommerzielle bzw. professionelle Vorgehensweisen, die als richtig oder am effektivsten anerkannt sind bzw. vorgeschrieben werden.“

In einem relativ vorhersehbaren Umfeld sind anerkannte bewährte Verfahren in der Regel sinnvoll. Immerhin wurde anderswo bewiesen, dass sie funktionieren, und das Rad neu zu erfinden, ist ein risikoreiches und potenziell teures Unterfangen.

Typisches Beispiel: Die Flugverkehrskontrolle im Flughafen arbeitet in einem Umfeld, das gegenüber raschem Wandel und Umwälzungen relativ immun ist. Sie agiert innerhalb eines hoch entwickelten und gut etablierten Governance-Systems, das auf bewährten Verfahren basiert. Aufgrund der hohen Kosten bei möglichem Versagen prüfen Flughäfen sorgsam alle Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und Anpassung der bewährten Verfahren, bevor sie diese übernehmen.

Wenn Ihr Unternehmen beim Entwickeln und Anwenden des Governance-Systems für IT und Geschäft mitreden kann, müssen Sie die Annahme auf den Prüfstand stellen, dass die Einhaltung bewährter Verfahren automatisch Erfolg mit sich bringt.

In Unternehmen, in denen die Implementierung der bewährten Verfahren der Branche kontinuierlich hinterfragt und angepasst wird, bleibt deren Relevanz im Kontext des Geschäftsbetriebs erhalten. Das deutsche Chemieunternehmen Degussa verdeutlichte dies mithilfe der speziell eingerichteten „Community of Practice“ (CoP), bestehend aus etwa 50 Managern, die existierende bewährte Verfahren für Management-Tools und -Methoden gemeinsam hinterfragten. Dies führte zu messbaren Verbesserungen mit Bezug auf festgelegte Geschäftskriterien.

Innovationen und Umwälzungen vs. bewährte Verfahren – wer gewinnt?

Für Unternehmen, die mit technologischen Umwälzungen Schritt halten müssen, sind anerkannte bewährte Verfahren möglicherweise nicht mehr die beste Option.

Wenn sich Ihr Unternehmen gegen einen Konkurrenten behaupten muss, der ständig mit Veränderungen und Innovationen aufwartet, hindern Sie bewährte Verfahren möglicherweise daran, agil zu sein und schnell zu reagieren. Ein Grund dafür ist, dass der Kontext, in dem Ihre bewährten Verfahren entstanden sind, nun nicht mehr der ursprünglichen Situation entspricht.

Führt Ihr eigenes Unternehmen die Umwälzungen herbei, hat es sich andererseits wahrscheinlich schon genau von den herkömmlichen Governance-Modellen gelöst, die Ihre Konkurrenz noch behindern.

Tatsache ist, dass sowohl rascher Wandel als auch Innovationen den Geschäftswert von Governance-Modellen in Frage stellen, wenn diese darauf basieren, was früher einmal funktioniert hat.

Verdeutlicht wird dieser Standpunkt am Beispiel von kleinen Taxiunternehmern, deren branchenweit anerkannte und bewährte Verfahren nur von begrenztem Wert sind, wenn sie sich einem innovativen Neueinsteiger wie Uber gegenüber sehen. Wie sieht es mit bewährten Verfahren im Bereich IT-Governance aus?

IT ist in vielen Unternehmen der Kernpunkt der meisten (wenn nicht gar aller) Aspekte. Alle Prämissen bezüglich der Wechselwirkungen zwischen IT und Unternehmenssteuerung müssen in jedem Fall sorgfältig durchdacht werden. Die Annahme, dass die IT-Governance unabhängig vom täglichen Geschäftsbetrieb erfolgt, ist eine gefährliche Fehleinschätzung.

Unternehmen, die zwar von der Arbeit ihrer IT-Abteilung abhängig sind, diese aber stiefmütterlich behandeln, sollten einen Blick auf den Bericht der britischen Co-operative Group werfen – und das Defizit in Höhe von 1,5 Mrd. GBP (ca. 1,7 Mrd. EUR), das der Konzern im Juni 2013 bekanntgab. Der Bericht ist eine fesselnde Lektüre für alle, die sich dafür interessieren, welche Rolle Corporate Governance, Umwälzungen und der IT-Chef beim Erfüllen von IT-bezogenen Erwartungen des Unternehmens spielen.

Mehr als nur ein Abgleich von IT und Geschäft

Unternehmen mit einem ganzheitlichen und anpassungsfähigen Governance-Modell für IT und Geschäft haben bessere Chancen, um mit Innovationen und Entwicklungen in der Branche Schritt zu halten.

Laut der Forschungsarbeit „Why communities of practice succeed and why they fail“ im The European Management Journal limitieren Unternehmen ihre Fähigkeit, bei hartnäckiger Konkurrenz und raschem Wandel zu florieren, wenn sie aufgrund von bewährten Verfahren auf getrennten Governance-Systemen für IT und Geschäft beharren.

Die Autoren untersuchten bewährte Verfahren in 57 großen europäischen und US-amerikanischen Unternehmen, darunter Siemens, Oracle, IBM, Daimler, Mitsubishi, Mazda, die World Bank und CERN. Sie fanden heraus, dass der Erhalt der Konsistenz von Kompetenzen auf den funktionellen Ebenen eine der fünf größten Schwachstellen von angewandten bewährten Verfahren ist.

Unternehmen, die es mit der Entwicklung von anpassungsfähigen bewährten Verfahren ernst meinen, sollten sich einem ganzheitlichen Governance-System für IT und Geschäft zuwenden.

Dazu dürfen sie den IT-Bereich nicht mehr nur als eine Kostenstelle betrachten, die den Bedürfnissen des Geschäfts untergeordnet ist. Im Gegenteil: Die IT-Abteilung muss als wertvoller Antriebsfaktor für Innovationen und als wichtiges Instrument zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit des Unternehmens erkannt werden.

Dies erfordert die Zusammenarbeit der Mitarbeiter auf allen wichtigen Entscheidungsebenen in IT-Bereich und Geschäft – innerhalb eines anpassungsfähigen Governance-Systems. So sieht ein Erfolgsrezept aus.

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Dieser Post wurde ursprünglich auf ThinkFWD veröffentlicht.

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