Deutschland verschläft die Digitalisierung

Eine aktuelle Studie zeigt: Deutschland hängt in Sachen Digitalisierung hinterher. Wenn das Land nicht von der internationalen Entwicklung abgehängt werden soll, müssen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik schnell handeln.

Die Digitalisierung zu verschlafen, könnte für die deutsche Wirtschaft gravierende Konsequenzen haben. Das Land muss jetzt schnell handeln, wenn es den digitalen Rückstand zu den USA aufholen will. Zu diesem Schluss kommt die aktuelle Zukunftsstudie „Digitalisierung – Achillesferse der deutschen Wirtschaft?” des Münchner Kreises, einer gemeinnützigen, internationalen Vereinigung, in der Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik vertreten sind.

Die Ergebnisse sind alles andere als erfreulich. Sie zeigen, dass Deutschland es jahrelang versäumt hat, sich rechtzeitig um wichtige Zukunftsthemen zu kümmern. „Die deutsche Industrie hinkt an verschiedenen Stellen der globalen, digitalen Wirtschaft hinterher“, so die Autoren wörtlich. Im Rahmen der Studie beschäftigten sie sich mit der Frage, welche Wege die deutsche Wirtschaft erfolgreich in die digitale Zukunft führen können. Mit Hilfe von über 500 Experteninterviews wurden zu diesem Zweck verschiedene Thesen zur Digitalisierung in sechs sogenannten „Zukunftsräumen“ auf ihren aktuellen und künftigen Wahrheitsgehalt untersucht. Diese werden im Folgenden näher erläutert.

ITK-Fachkräftemangel

Das deutsche Bildungssystem erhält bei der Ausbildung des digitalen Nachwuchses schlechte Noten. So wurde den seit Jahren diskutierten Problemen in diesem Bereich nach Meinung der Experten bis heute nicht wirksam begegnet. 61 Prozent der Befragten sind der Überzeugung, dass der Fachkräftemangel im ITK-Bereich eine strukturelle Herausforderung für die gesamte Gesellschaft sei. Kompetenzen, die im Zuge der digitalen Transformation erforderlich sind, werden nicht oder nur unzureichend vermittelt, heißt es in der Studie weiter. Der Rückstand des deutschen Bildungssystems müsse in weniger als zwei Jahren aufgeholt werden, um die Lücke zum Rest der Welt noch rechtzeitig schließen zu können. Dazu empfiehlt der Münchner Kreis, attraktive Karrierepfade und Vorbilder in den MINT-Bereichen (Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Technik) aufzuzeigen.

Die Politik hält nicht Schritt

Auch die deutsche Politik wird von den Experten stark kritisiert. So stimmen 86 Prozent aller Befragten zu, dass die Ressorts in den Ministerien und die Zusammenarbeit in ihrer derzeitigen Form den rasant wachsenden Herausforderungen der digitalen Gesellschaft nicht gerecht werden. Dieses Missverhältnis wird sich nach mehrheitlicher Expertenmeinung in den kommenden zehn Jahren nicht zum Besseren wandeln.

Die gute Nachricht ist, dass die deutsche Politik den Ernst der Lage langsam erkennt. So gaben die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, und der Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Sigmar Gabriel, auf der diesjährigen CeBIT den Startschuss zur Gründung der neuen Plattform Industrie 4.0. Im Rahmen dieser Initiative soll das Thema Digitalisierung nun auf eine breitere politische und gesellschaftliche Basis gestellt werden. Auch auf europäischer Ebene will man mit einer neuen Strategie den digitalen Rückstand zu den USA aufholen.

Datensouveränität

Dabei spielt das Thema Datenschutz und -Sicherheit eine entscheidende Rolle. Denn aufgrund von Sicherheitsbedenken haben gerade hierzulande sowohl Privatpersonen als auch kleine und mittelständische Unternehmen große Vorbehalte gegenüber innovativen Lösungen aus der Cloud, die das Fundament der Digitalisierung bildet. Doch aktuell bestätigen 65 Prozent der befragten Experten die These, dass diese Vorbehalte zugunsten der Vorteile digitaler Dienste in den Hintergrund treten. Bei Online-Services, Smartphones oder Apps seien Kunden funktionale und monetäre Ziele wichtiger als Datenschutz und IT-Sicherheit. Um datengetriebene Geschäftsmodelle auch hierzulande zu entwickeln, müsse die Souveränität im Umgang mit Daten gestärkt werden.

Sackgasse „Made for Germany“

In den USA und Asien werden digitale Innovationsstrategien derzeit im Vergleich zu Europa beziehungsweise Deutschland häufiger, schneller und erfolgreicher umgesetzt. Diese These bestätigt deutlich über die Hälfte der Studienteilnehmer. Auch für die kommenden fünf beziehungsweise zehn Jahre nehmen die Vertreter dieser These nur in geringem Umfang ab (48 Prozent für 2020 und 41 Prozent für das Jahr 2025). Sie kritisieren, dass die deutsche Wirtschaft zu sehr auf den eigenen Markt fokussiert sei.

Erfolgreiche Handlungsmuster haben ausgedient

Ein weiteres, typisch „deutsches Problem“ im digitalen Zeitalter: Drei Fünftel der Befragten bestätigen, dass Unternehmen noch immer von dem Festhalten an Wertschöpfungsketten innerhalb der eigenen Branche geprägt sind. Das Verharren an bisher oft erfolgreichen, jedoch ausgedienten Handlungsmustern und Strategien würde den wirtschaftlichen Erfolg in der digitalen Ökonomie stark bremsen, so die Kritik. Vor diesem Hintergrund sei es unabdingbar, dass die deutschen Unternehmen mit Politik, Gesellschaft und Medien zusammenarbeiteten, um sich in den digitalen Zukunftsmärkten erfolgreich positionieren zu können.

Deutsche Wirtschaft zu langsam

Der sechste und letzte Thesenblock, der im Rahmen der Zukunftsstudie untersucht wurde, beschäftigt sich mit der Frage, ob die Digitalisierung zu schnell für die deutsche Wirtschaft gehen würde. Während die digitale Wirtschaft schnelles Handeln und Umsetzen erfordert, gelingt es deutschen Unternehmen nicht, Innovationen in erfolgreiche Produkte umzuwandeln. Dieses Problem wird von 63 Prozent der Befragten bestätigt – 36 Prozent halten die fehlende Anschlussfähigkeit sogar in 2025 für noch nicht behoben. Als wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Einführung von digitalen Produkten nennt der Münchner Kreis eine schnelle Erprobung, die gezielte frühzeitige Verbreitung, sowie das Einbeziehen von Erfahrungswissen.

Fazit

Die Digitalisierung ist allgegenwärtig. Ihre Durchdringung und ihre Nutzung entscheiden zunehmend darüber, wie Volkswirtschaften im digitalen Zeitalter bestehen können. Damit stellt die vierte industrielle Revolution eine der größten Herausforderungen unserer Zeit dar. Die Chancen, die sie mit sich bringt, sind für eine Industrienation wie Deutschland eigentlich enorm. Doch das Land muss schnell handeln, um von der internationalen Entwicklung nicht abgehängt zu werden. Trotz der aktuellen Lage ist es noch nicht zu spät, Deutschland für das digitale Zeitalter fit zu machen.

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